Nerven auf der Streckbank
Schnell wachsende Nerven aus dem Labor

Hannover, 23. Juni 2010 - Ersatznerven, die sich im
Labor durch mechanischen Zug extrem schnell entwickeln,
können helfen, irreparable Nervenschäden zu überbrücken
und letztlich Lähmungen zu verhindern. Das schreibt das
Magazin Technology Review in der aktuellen Juli-Ausgabe.
Professor Douglas Smith, Neurochirurg an der Universität
von Pennsylvania, will mit im Labor gezüchteten
Nervenersatzstücken die Heilung durchtrennter oder
stark gequetschter Nerven ermöglichen. Damit die
Nervenfasern möglichst schnell wachsen, experimentierte
er mit einer Streckapparatur. Mit Erfolg: Durch künstliches
Strecken wuchsen die Nervenfasern fast hundertmal schneller,
als es nach gängiger Lehrmeinung möglich ist.
In einer Pilotstudie entfernte Smith 40 Ratten ein Stück
aus dem Ischiasnerv eines Beins von einem Zentimeter Länge.
Für den Brückennerv entnahm er dem Rückenmark sensorische
Nervenzellen. Nachdem ein Protein-Cocktail die Nervenzellen
dazu angeregt hatte, jeweils einen Fortsatz sprießen zu
lassen, wuchsen diese auf die gegenüber platzierten
Nervenzellen zu und knüpften Verbindungen mit ihnen.
Anschließend zog ein computergesteuerter Motor die
Nervenfasern auseinander. Die Streckgeschwindigkeit
wurde stetig gesteigert. Am fünften Tag konnten die
Forscher die Nervenfortsätze bereits mit dem Hundertfachen
ihrer natürlichen Wachstumsgeschwindigkeit strecken. In
einem Kunststoffhalm als Scheide wurden die neuen Nerven
den Versuchsratten anschließend implantiert.
Das Ergebnis des Pilottests weckt große Hoffnungen: Smith
zufolge gewannen fast alle der 40 Versuchsratten innerhalb
von vier Monaten die Beweglichkeit ihres Beins wieder. Nun
will Smiths Team noch größere Verletzungen überbrücken und
hat sogar bereits zehn Zentimeter lange Ratten-Nervenimplantate
wachsen lassen. Darüber hinaus hat Smith gezeigt, dass die
Streckmethode auch bei menschlichen Nerven gut funktioniert.
In den kommenden zwei Jahren, so hofft er, sollen die ersten
klinischen Versuche mit Patienten starten.
Bildmaterial:
Das Titelbild der aktuellen Technology-Review-Ausgabe 7/2010
steht zum Download bereit.
Ihre Ansprechpartnerin für Rückfragen
Sylke Wilde
Heise Medien Gruppe
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Telefon: +49 [0] 511 5352-290
Telefax: +49 [0] 511 5352-563
sylke.wilde@heise-medien.de