Technology Review: IT der US-Armee enttäuscht im Irak
Truppen an der Front ohne Informationen

Hannover, 26. Oktober 2004 - Der Krieg im Irak war für
die USA nicht nur politisch ein Misserfolg: Auch die
Hochrüstung der Armee mit modernster Überwachungs- und
Kommunikationstechnik brachte enttäuschende Ergebnisse,
berichtet das Technologiemagazin Technology Review in
seiner aktuellen Ausgabe 11/2004.
Die US-Truppen im Irak wurden von Technik unterstützt
wie noch nie zuvor. Sensoren, Hitzedetektoren und
Abhöreinrichtungen erfassten das ganze Land, schnelle
Datenverbindungen sollten die Informationen zu den
Soldaten bringen. Aber tatsächlich fiel ein entscheidender
Knoten des US-Aufklärungsnetzes fast völlig aus: die
Truppen an der Front. Das geht aus einem größtenteils
geheimen Report des Think-Tanks Rand hervor, den
Technology Review als Zusammenfassung einsehen konnte.
Die Art, Kriege zu führen, verändert sich alle paar
Jahrzehnte durch eine neue Technologie, eine neue
Doktrin oder eine Kombination aus beiden. Die jüngste
Revolution betreibt das Pentagon unter dem Begriff
"Transformation der Streitkräfte": Modernste IT soll
kleine Soldaten-Teams unterstützen. Den Irak-Krieg
wollte die US-Armee als ersten großen Test von
Informationstechnologie in der Kriegsführung nutzen.
Doch als die Invasion begonnen hatte, wurden Pannen
schnell zur Norm. Computersysteme zum Daten-Empfang
hängten sich oft stundenlang auf. Obendrein funktionierten
sie nur, wenn die Truppen sich nicht bewegten - und
mehrmals wurden US-Einheiten angegriffen, während
sie zum Datenabruf stoppten.
"Wir sind weit entfernt von der Vision der vollständigen
Information. Es ist leicht zu erkennen, welchen Preis
wir gezahlt hätten, wenn wir einen stärkeren Gegner
gehabt hätten", sagte Owen Cote, stellvertretender
Direktor des Security Studies Program am MIT, dem
Magazin. So musste Oberstleutnant Ernest "Rock" Marcone,
Bataillonskommandant der Dritten Infanteriedivision,
bei einem entscheidenden Gefecht um eine Brücke zum
Flughafen von Bagdad fast völlig ohne Informationen
über Stärke und Position der Iraker auskommen.
Immerhin eine abgehörte Botschaft erreichte den
Oberstleutnant: Ein einzelne irakische Brigade bewege
sich in Richtung der Brücke. Kein Sensor und kein
Netzwerk halfen ihm dabei, zu erkennen, dass nicht
eine Brigade, sondern drei, dazu 25 bis 30 Panzer
plus 70 bis 80 gepanzerte Transporte, Artillerie und
zwischen 5000 und 10 000 irakische Soldaten aus drei
verschiedenen Richtungen auf ihn zurückten. "Wir
wussten nichts davon, bis sie losgeschlagen haben",
sagt Marcone. Dabei ist genau diese Art von
konventioneller Schlagkraft eigentlich am leichtesten
zu entdecken. Die Männer aus Marcones Bataillon
wurden jedoch nicht durch Sensoren und Kommunikationstechnik
geschützt, sondern schlicht durch Panzerung. (sam)
Bildmaterial:
Das Titelbild der aktuellen Technology Review-Ausgabe 11/2004
steht zum Download bereit.
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