Technology Review: Interview mit Epigenomics-Chef Olek
Chef von Börsenneuling droht mit Auswandern

Hannover, 23. Juli 2004 - Das gerade erst an der Börse
gestartete Biotech-Unternehmen Epigenomics könnte seinen
Firmensitz schon bald in die USA verlegen. Seine Familie
habe begonnen, "ernsthaft darüber nachzudenken, nach
Amerika zu ziehen", sagte Alexander Olek, Gründer und
Vorstandschef von Epigenomics im Interview mit Technology
Review. Sollte es dazu kommen, "würde ich das Unternehmen
sicher nicht auf Dauer aus einer Zweigstelle leiten."
Bislang hat Epigenomics lediglich eine Niederlassung
in den USA.
Olek zeigte sich erbost über die negative Berichterstattung
im Verlauf des Börsengangs: "Wenn [...] suggeriert wird,
dass es eine Dreistigkeit ist, als verlustbringendes
Unternehmen an die Börse zu gehen, dann hat die
Wirtschaftspresse nicht verstanden, wie dieser
Wirtschaftszweig funktioniert". Die Berichterstattung
in Deutschland sei für die gesamte Branche ein Schock
gewesen. Olek berichtet von Anrufen zweier deutscher
Biotech-CEOs, "die sich diesem Gegenwind nicht aussetzen
wollen und wohl in die USA gehen werden."
Epigenomics ist das erste börsennotierte Unternehmen
weltweit, das auf epigenetische Technologie setzt.
Neben den Genen gibt es Informationsebenen im Erbgut,
die sich in Form von chemischen Modifikationen außerhalb
der DNA-Sequenz verbergen. Auch diese epigenetischen
Informationen beeinflussen unsere Gesundheit und unser
Aussehen. Epigenetische Mechanismen können erklären, wie
aus einer einzelnen Zelle ein ganzer Organismus mit
verschiedenen Geweben erwächst, warum manche Erbkrankheiten
Generationen überspringen und wie Krankheiten wie Krebs,
Diabetes und Parkinson entstehen.
Möglicherweise sind die Mechanismen der epigenetischen
Steuerung leichter durch Medikamente zu beeinflussen als
die Gene selbst. Bisher detektiert Epigenomics epigenetische
Signale mit einer Bisulfit-Technologie, will jedoch mit
deutschen und US-Forschern neue Technologien entwickeln.
Die Anwendung der Bisulfit-Technik für die Diagnostik hat
sich das Unternehmen bereits patentieren lassen. Insgesamt
hat es laut Technology Review rund 150 Verfahren und
Produkte zum Patent angemeldet.
Epigenomics arbeitet zurzeit an der Entwicklung eines
Darmkrebs-Tests, den es zusammen mit Roche zuerst auf
den US-Markt bringen möchte. Das Marktpotenzial wird
laut Olek auf eine Milliarde US-Dollar geschätzt.
Aufgrund geringerer Entwicklungskosten als im Pharmageschäft
sei das Molekular-Diagnostik-Geschäft deutlich profitabler. (sam)
Bildmaterial:
Das Titelbild der aktuellen Technology Review-Ausgabe 8/2004
steht zum Download bereit.
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