Telepolis: "Virtuelles Internet-Schutzschild heiße Luft"
Gefährliche Medienhysterie um Cyberkrieg
Hannover, 28. März 2001 - Das angeblich von der US-Regierung
geplante "Internet-Schutzschild" entpuppt sich als gefährliche
Medienhysterie, schreibt Telepolis, das Magazin der Netzkultur.
Statt auf eigene Recherchen verließen sich auch renommierte
Medien auf Berater mit eigenen Interessen.
Alles, was nach "Cyberkrieg" aussieht, wird von den Massenmedien
derzeit begierig aufgegriffen. Das Handelsblatt schreckte am
4. März die Öffentlichkeit mit der Meldung auf, die USA würden
in den nächsten Jahren für ein "virtuelles NMD" als
Cyber-Gegenstück zum umstrittenen militärischen Raketenabwehrsystem
National Missile Defense (NMD) 50 Milliarden Dollar ausgeben.
Spiegel online zog mit Horrorszenarien eines fiktiven Cyberkrieges
nach und schlussfolgerte, auch Deutschland solle endlich eine
robuste Cyber-Sicherheitspolitik entwickeln. Selbst die Zeit machte
keine Ausnahme und stellte Bill Clinton eben mal nebenbei als Freund
des NMD hin, der auch schon dessen virtuelle Variante befürwortet
haben soll.
Dabei weiß die neue US-Regierung noch nicht so richtig, wie sie mit
dem Thema Cyber-Sicherheitspolitik umgehen soll. Einfach zu widerlegen
ist die Behauptung der ZEIT, dass schon Clinton NMD und Cyber-Sicherheit
im Zusammenhang gesehen habe. Clinton hat sich zwar persönlich stark um
die Sicherheit der Infrastrukturen gekümmert, aber er hat dies nie
hauptsächlich als militärisches Problem gesehen. Dass das geplante
Federal Intrusion Detection Network (FIDNet) zu einem virtuellen
Schutzschild Amerikas gegen Hacker-Angriffe ausgebaut werden soll,
halten Fachleute für unnötig und unmöglich.
Derartige Meldungen tragen dazu bei, auch in Deutschland unwissende
Sicherheitspolitiker, die sich mit NATO und OSZE auskennen, zu
Cyberkriegern zu machen, so Telepolis. "Gerade in einer Zeit, in der
sich in Washington die Falken wieder durchsetzen, in der
Rüstungskontrollverträge nicht mehr das Papier wert sind, auf dem sie
geschrieben wurden, und in der auch die Bundeswehr an einer eigenen
Doktrin für den Informationskrieg arbeitet, sollte verantwortlicher
Journalismus darin bestehen, einen gefährlichen Hype zu entkräften
und zwielichtigen Geheimdienstberatern die Lufthoheit über den
‚Experten'debatten zu nehmen", so Telepolis-Autor Ralf Bendrath.
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Der Autor Ralf Bendrath ist Mitbegründer der Forschungsgruppe
Informationsgesellschaft und Sicherheitspolitik (FoG:IS) und betreibt
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