Tarnkappe kontra Kryptoverbot
Steganographie führt Bonner Pläne ad absurdum
Hannover, 13. Mai 1997 - Ohne Kläger kein Richter - wenn
Verschlüsselung verdächtig ist, darf sie eben nicht als solche erkennbar
sein. Die uralte Kunst der Steganographie stellt die Bonner
Regierungspläne zur Beschränkung des Einsatzes starker kryptographischer
Techniken in Frage.
Bundesinnenminister Manfred Kanther will durch eine gesetzliche Regelung
sicherstellen, daß Polizei und Verfassungsschutz auch künftig "legal
abhören" können. Die Anwendung wirklich sichererVerfahren zur
Verschlüsselung soll deshalb eingeschränkt oder verboten werden. Doch der
Nutzen eines solchen Verbots ist heftig umstritten - unter anderem
deshalb, weil es sich durch den Einsatz von Steganographie leicht
aushebeln ließe.
Ob Mikroschrift in Ornamenten geheime Pläne übermittelt oder die
Wortanfänge eines Briefes die eigentliche Botschaft enthalten: verborgene
Strukturen in scheinbar harmlosen Mitteilungen erkennt nur der
Eingeweihte. Die Steganographie kann mit Hilfe des Computers zu einer
leistungsfähigen Technik für den sicheren Transport vertraulicher
Informationen entwickelt werden. Bild- und Tondateien dienen als digitale
Heuhaufen, die kodierte Nachrichten wie die sprichwörtlichen Nadeln
verbergen.
Das Computermagazin c't dokumentiert in seiner
aktuellen Ausgabe 6/97 den gegenwärtigen Stand der computergestützten
Steganographie. Schon jetzt gibt es weit mehr als ein Dutzend Programme,
mit denen sich Nachrichten bequem in unverdächtige Datenströme einbetten
lassen. "Noch steckt die Software in den Kinderschuhen," kommentiert
c't-Redakteur Norbert Luckhardt. "Doch wenn Kanthers Wünsche Wirklichkeit
werden sollten, dann wird sich die rechnergestützte Steganographie schnell
weiterentwickeln."
Es liegt nahe, daß kriminelle Organisationen und Verfassungsfeinde
Methoden wie die Steganographie wählen würden, um die Anwendung verbotener
Kryptographie vor den Behörden zu verbergen. "Die Krypto-Regulierung wird
ihren vorgeblichen Zweck verfehlen," so Luckhardt. "Aber die Sicherheit
des privaten und wirtschaftlichen Datenverkehrs bliebe auf der Strecke."
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Norbert Luckhardt (c't-Redaktion)
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