Computerindustrie hält grüne Versprechen nicht ein
Giftschleuder PC - eine Lobby setzt sich durch

Hannover, 2. August 2010 - Außer Apple halten fast
alle großen PC-Hersteller ihre Selbstverpflichtungen
zum Umweltschutz nicht ein. Zwei besonders gefährliche
Chemikalien vergiften nach wie vor Mensch und Natur.
Schuld sind eine Selbstblockade der Industrie, mutlose
Politiker und ahnungslose Verbraucher, schreibt das
Computermagazin c't in der aktuellen Ausgabe 17/10.
Vor vier Jahren versprachen die größten PC-Hersteller,
freiwillig auf die gefährlichsten Chemikalien bei der
Herstellung ihrer Geräte zu verzichten, falls Alternativen
verfügbar sind. Konkret handelt es sich um die
Flammschutzmittel BFR sowie PVC, das mit Weichmachern
verrührt wird. Praxistaugliche Ersatzstoffe gibt es längst,
wie Apple seit Anfang 2009 weitgehend erfolgreich
demonstriert.
Egal ob Dell, Acer, HP, Lenovo oder Samsung - sie alle
haben die Umstellung in die Zukunft verschoben. "Einer
der Gründe ist sicherlich der Preis", erläutert c't-Redakteur
Christian Wölbert. Die Alternativen sind teurer, und im
Gegensatz zu Apple bewegen sich die anderen Hersteller
eher im Niedrigpreissegment mit geringeren Margen. "Leider
haben es die Hersteller nicht geschafft, gemeinsam auf die
giftigen Stoffe zu verzichten, sie blockieren sich gegenseitig."
Für den Endverbraucher ist die Lage alles andere als
transparent. Die wenigen Geräte, die ohne diese schädlichen
Stoffe in den Handel kommen, sind nicht als solche
gekennzeichnet. Manche Produkte mit reduziertem
Schadstoffgehalt tragen zumindest den Blauen Engel oder das
Logo "TCO certified".
Verzögert wird auch von Seiten der Politik. Die EU könnte mit
einem Verbot der Stoffe für die Hersteller gleiche
Wettbewerbsbedingungen schaffen. Ein eigens erstelltes
Gutachten rät dringend dazu. Doch sowohl die Kommission
als auch das Parlament konnten sich in ihren Entwürfen nicht
dazu durchringen. "Lobbyverbände der PVC- und BFR-Hersteller
agierten erfolgreicher als Forscher und Umweltschützer in den
Brüsseler und Straßburger Hinterzimmern", resümiert c't-Experte
Christian Wölbert.
BFR reichern sich in Lebewesen an, PVC-Weichmacher schädigen
die Fortpflanzungsfähigkeit. Die Stoffe sind besonders für
Menschen in Ländern wie Ghana, Nigeria und China gefährlich -
dort, wo ein Großteil des Elektroschrotts der westlichen Welt
recycelt wird. Sie zerlegen Computer mit bloßen Händen,
brennen Kabel in offenen Feuern ab und versuchen, an das
Kupfer und Gold von Leiterplatten zu gelangen. Bei der
Verbrennung von BFR und PVC entstehen akut und chronisch
giftige sowie krebserzeugende Dioxine.
Bildmaterial:
Das Titelbild der aktuellen c't-Ausgabe 17/2010
steht zum Download bereit.
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